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Tausend goldene Sonnen

„Träumerchen“, nannte ihn das warme Herz der Mutter, „Taugenichts“, das kalte Herz des Vaters. Von den Brüdern verhöhnt und verlacht wurde es ihm im eigenen Herzen immer schwerer.

Da lief Träumerchen eines Tages von zu Hause fort, um in aller Stille seine Tränen zu weinen.
Er lief und lief und gelangte des abends an eine blütenlose, grüne Wiese. Die Augenlider wurden ihm schwer. Er sank nieder und fiel in einen tiefen Schlaf.
Von der Welt der Träume erfasst, wirbelte es ihn hinauf in den Himmel, direkt hinein in das silberne Licht des Mondes.
Dieser lächelte milde und sang ihm sein Lied.

Auf einmal war es, als ob er hineinschauen würde in seines Vaters Herz.
„Träumerchen“, so war es einst genannt vom warmen Herzen der Mutter, „Taugenichts“, vom kalten Herzen des Vaters.
Er blickte hinein in dunkle, von ungeweinten Tränen angefüllte Löcher, die Hohn und Spott der Brüder hineingegraben hatten. Und er sah und schmeckte ein Meer aus giftgelber, bitterer Galle, das sich noch immer tief in dieses Herz hineinfraß.

Doch der Mond lächelte weise und sang sein Lied.

Da begann es zu dämmern und am Morgenhimmel stieg die Sonne auf.
Sanft berührten ihre wärmenden Strahlen Träumerchen und ließen ihn in noch tieferen Schlaf versinken.

Drei milde Strahlen jedoch umfingen ihn sanft und trugen ihn hinauf in das goldene Licht der Sonne. Da blickte Träumerchen geradewegs hinein in das von einer riesigen Mähne umrahmte Gesicht eines mächtigen und kraftvollen Tieres.
Und er wusste, soeben hatte sich ihm ein König offenbart.

„Ich bin, der ich bin“, sprach der König. „Und ich tue, was ich tun muss“.

Mit diesen Worten verblasste das Gesicht und wurde zu einer sich im gelben Wirbel der Sonne drehenden Blüte.

„Träumerchen“, sprach da die Sonne, „der Mond der Nacht hat dir Einblick gewährt in deines Vaters Herz. Und deines Vaters Herz hat dir tiefen Einblick gewährt in deiner Väter Herzen. Einem Ahnenmeer alleszerfressender, bitterer, giftgelber Galle bist du begegnet und einem Ahnenozean ungeweinter Tränen.

Du aber bist hinausgezogen, um die Bitterkeit zu besiegen, deine Tränen zu weinen. Und so soll dir und den Deinen Kraft des Königs Erlösung gegeben werden.

Noch zwei Tage und zwei Nächte wirst du schlafen. Die heilende Kraft der sich in meinem Wirbel drehenden gelben Blüte wird dich erfüllen. Allumfassende Liebe wird wandeln, was zu wandeln ist. Die Bitterkeit der Herzen wird Befreiung finden, die ungeweinten Tränen aber zu weißer Milch werden.

Daraufhin versank Träumerchen in noch tieferen Schlaf. Die letzte Nacht brach an und der Wind schob sich in seine Träume hinein. Die sonnengelbe Blüte begann Gestalt und Farbe vor seinen Augen zu wandeln.

In diesem Geschehen vernahm er eine rauschende Stimme:
„Sieh, die Blüte hat sich gewandelt. Es ist vollbracht. Aus Bitterkeit und Hass wurde Liebe, ungeweinte Tränen zu nährender Milch.
Sonne und Mond haben dir und den Deinen die Heilung der Herzen geschenkt. Ich aber werde dich lehren, was Wurzeln und Freiheit bedeuten.

Da sah Träumerchen, dass aus gelber Sonnenblüte tausendundein silberfarbene, samentragende Schirmchen  geworden waren, bereit für ihren Flug hinein in die Welt. Und wie er nun gerade den Wind fragen wollte, was denn Freiheit mit Wurzeln zu tun habe, stieg die Sonne am Himmel auf und Träumerchen erwachte inmitten eines grünen Meeres von tausend Sonnen.

In diesem Augenblick gab es nichts mehr, was ihn zurückhielt und er wollte nur noch nach Hause.
Träumerchen lief und lief und als er des abends um die Ecke kam sah er den Vater, niederkniend, umgeben von einem grünen Meer aus tausend Sonnen.

Er sah, wie der Vater eine Blüte pflückte und er begegnete dem Ahnenozean ungeweinter Tränen in des Vaters Augen.

Da fielen sich Träumerchen und Träumerchen in die Arme, ihre Tränen vereinten sich und wurden zu weißer Milch.

Der Mond aber stieg am Himmel auf, lächelte weise, und der König sprach:

„Ich bin, der ich bin und ich tue, was ich tun muss.“

Was aber hat das alles mit Wurzeln und Freiheit zu tun?

Nun, frag den Wind, er wird es dir erzählen …..

Martina Petermann
© Copyright 17. Februar 2018

Der Löwenzahn als Ahnenpflanze, hier gibt es mehr …..

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