Die Brombeere und der Hirsch

2. August 2019.TinePe.2 Likes.0 Comments

Die Brombeere und der Hirsch

Die wilde Brombeere segnet meinen Garten zur Zeit reichlich. So ist mindestens jeden zweiten Tag Brombeerernte angesagt. Dabei haben mich ihre ausladenden Ranken mehr als einmal am Schlafittchen. Gar nicht so einfach, unbeschadet rauszukommen. „Warum packst du mich immer wieder am Kragen?“, frage ich etwas ärgerlich. „Hm“, antwortet sie, „das weißt du ganz genau. Zeit, endlich mit mir in engeren Kontakt zu kommen. Ich habe dir einiges zu sagen.“

Klare Ansage. Ich habe verstanden und kein Verlangen mehr nach diesen dornigen Zugriffen. Genau genommen, hat sie mich längst schon aufgefordert. Die eisbehangenen Brombeerranken des Winters. Die ausdrucksstarken Gesichter während der Blütezeit. Aber ich bin ausgewichen. Keine Lust, keine Zeit, was auch immer …..

„Hirschbeere“, platzt es aus mir heraus. „Wie meinst du?“, kommt es prompt zurück. „Na Hirschbeere, so nannten dich unsere Altvorderen. Das habe ich mal irgendwo gelesen.“ „So so, irgendwo gelesen. Tja, dann solltest du dich kümmern.“

Und ich kümmere mich. Yggdrasil, der Weltenbaum, kommt mir in den Sinn. Der Hirsch hoch oben im Geäst. Auf dem Dach von Walhall würde er residieren, so heißt es. Von den Zweigen des Weltenbaumes essen und von seinem Geweih tropfe es stetig herab, um die Quelle zu nähren, die die Weltenflüsse speist. In diesem Moment macht es nur so klick …..

….. klick, klick, klick …..

Der Hirsch also ist es, den sie mir als „Türöffner“ bietet. Kraft des Hirsches gibt sie mir die Möglichkeit, tief hineinzublicken in das Wesen, das ihr inne ist. In die große Kraft, die ihr inne ist. In die Kraft, die die, der Natur nahen Altvorderen, aus ihrer Fähigkeit zur Hellsicht heraus, in ihr erkannten. Hirschbeere …..

….. die Brombeere und der Hirsch …..

„Den Hirsch also bietest du mir an.“ „Und jetzt? Was machst du damit? In einem von deinen hunderten Büchern lesen, wie so oft? Googeln, schauen was andere dazu geschrieben haben?“ Ups, das kommt schon ziemlich zynisch rüber. „Nein, ich werde nicht in einem meiner Bücher lesen,“ sage ich leicht gereizt und denke im Stillen: „Was soll ich da schon lesen? Etwa, dass die Brombeere Hirschbeere heißt, weil die Hirsche sie gerne essen?“ Tja das geht  nun wohl nicht mehr …..

„Weißt du, was ich mit dem Hirsch verbinde?“ Die Brombeere schweigt, scheint abwesend. Auch nicht die nette Art. Erst der  Zynismus und jetzt die Ignoranz. „Also, willst du es nun wissen, oder nicht?“ Autsch, ein Stachel erwischt mich am Finger, das tut weh. Ich bin noch gereizter. „Weißt du was, ich werde mich jetzt ganz einfach hier hin setzen und dir sagen, wovon der Hirsch mir erzählt. Ganz egal, ob du zuhörst oder nicht.“

In diesem Augenblick kommt das Bild eines Hirsches vor meine Augen. Eines  Hirsches, dem ich vor ein paar Jahren begegnet bin. Er war  besonders. Seine warmen Augen ließen tief blicken. Tief hinein in eine Seele, die rein war. Rein und frei. Und das, obwohl er unfrei in einem Gehege lebte.
Die Szene wechselt. Ein Hirsch erscheint auf einer Waldlichtung. Kraftvoll und stolz. Ein großes Geweih trägt er. Eine wahrhaft majestätische Erscheinung. Ein paar Damen seines Standes tauchen auf. Äsen friedlich. Dann tritt der Herausforderer auf den Plan. Es kommt zum Kampf . Gefährlich aber fair. Die Geweihe knallen aufeinander. Der Platzhirsch behauptet sich. Der Gegner zieht geschlagen von dannen, die Damen bleiben die Seinen. Noch mehr seiner Nachfahren werden den Weg in die Welt hinein finden.
Und noch ein Szenenwechsel. Es ist Frühling, ein Hirschgeweih liegt auf dem Waldboden …..

….. da dringt die Stimme der Brombeere zu mir durch: „Ich weiß um deine Bilder.“ „Hältst du mich für dumm? Ich weiß, dass du sie mir geschickt hast.“

….. augenblicklich wiegen sich die Brombeerranken sacht im Wind …..

„Und, wovon haben sie dir erzählt?“ Was für eine Frage. Wovon haben sie mir erzählt? Gar nicht so einfach. Die Bilder zu haben ist das eine, sie aber zu verstehen, zu deuten, das andere. In der Ferne höre ich den Ruf des Milan. „Ja“, denke ich, „du hast den Überblick, die Weitsicht.“ Und wieder macht es klick …..

….. klick, klick, klick …..

„Du hast mir in der Reinheit der Seele des ersten Hirsches die Reinheit und Güte deiner Seele gezeigt. Kraft dieses Hirsches hast du mir von  Freiheit erzählt. Von Freiheit trotz begrenzender Zäune. Du, die du dich hier um den langen Zaun meines Gartens schmiegst. Den Stacheldraht, den irgend jemand vor vielen Jahren einmal gezogen hat, in dich hineingesogen hast. Du, die ich einfach habe wachsen lassen in deiner Urkraft, in deiner Wildheit, vielleicht zur Unbill von manch anderem. Weißt du, du berührst gerade meine eigene Wildheit. Meine Wildheit, die irgendwo, tief in mir im Verborgenen lebt. Die sich zurückgezogen und versteckt hat, weil einer zivilisierten Welt die Wildheit nicht willkommen ist. Doch genau in dieser Wildheit bin ich rein. In dieser Wildheit bin ich frei, wie auch immer es ist. In dieser Wildheit bin ich die, die ich bin.“

Mein Blick geht zum Himmel und ich sehe den Milan, wie er über mir seine Kreise zieht. Höre wieder seinen Ruf. Ein leichtes schaudern geht über mich hinweg. Es ist, als ob er mir seinen Gruß entbietet …..

….. und die Brombeerranken wiegen sich sacht im Wind …..

„Ich sehe, du beginnst zu verstehen. Was hast du noch gelernt?“
„Hm, was habe ich noch gelernt? Auch Kraft der majestätischen Erscheinung des Hirsches auf der Waldlichtung hast du mich an die Urkräfte des Lebens erinnert. Du hast mir die Ausstrahlung eines Wesens gezeigt, dass diesen Kräften verbunden und zu Diensten ist. Für einen kurzen Augenblick war es mir, als ob du mir einen Menschen gezeigt hättest, der wahrhaftig in dieser Kraft steht. Kann es sein,  dass es dir ein großes Anliegen ist, uns zivilisierte, manchmal wurzellos umherirrende Menschlein wieder mit genau diesen Kräften in Kontakt zu bringen, zu verbinden?
Aber da ist noch etwas, das du mir gezeigt hast. Du hast mir klar gemacht, dass es dem Wesen des Lebens entspricht, sich immer wieder Herausforderungen stellen zu müssen. Werden sie ignoriert, oder entfliehen wir diesen, dann ist die Gefahr groß, dass wir schnell zum Verlierer werden.  Aber nicht nur das, ich verstehe jetzt auch, wenn ich meinen Samen immer weiter in die Welt hineingeben möchte, und ich möchte, dass diese aufgehen, sich ausbreiten, dann gehört eine gewisse Art von Kampf einfach dazu. Für den Hirsch auf jeden Fall war es keine Option, davonzutrotten.
Oh, da fällt mir gerade ein Spruch von Berthold Brecht ein. Er sagte einmal …..

….. wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren …..

Jetzt erst verstehe ich den tieferen Sinn. Der Hirsch hat gekämpft. Den Urkräften des Lebens verbunden konnte er gar nicht anders.
Aber da ist noch etwas, was ich gelernt habe. Ich muss sagen, du hast mich innerhalb kürzester Zeit durch eine große Lebensschule geschickt. Ich habe, um die im wahrsten Sinne des Wortes Notwendigkeit, aber auch Leichtigkeit des Loslassens gelernt. Denn wenn der Hirsch sein Geweih im Frühjahr nicht abstößt, dann kann ihm kein größeres wachsen. Festhalten wäre wider das Leben. Jegliche Entwicklung wäre ausgebremst und er würde der ewige kleine Spießer bleiben. Erneuerung, und ewiger Wandel bedürfen des Loslassens. Ein bisschen schauert es mich jetzt. Du berührst gerade sehr ein paar meiner doch eher ungeliebten Schwächen. Weißt du, ich könnte da echt Hilfe gebrauchen.
Die Wildheit willkommen heißen, dieser besondere Hirschkampf des Lebens, Loslassen, um Wandel und Erneuerung Raum zu geben …..

Bist du eine Kraft der Erneuerung, des Wandels?“

Die Brombeere scheint wieder abwesend und schweigt. Doch es reizt mich nicht mehr. In mir ist Frieden. Und noch einmal beginne ich damit, die dunkel glänzenden Beeren zu pflücken. Keine Ranken mehr, die nach mir greifen. Keine Stacheln mehr, die mich stechen. Um mich herum sind ganz viele Wespen. Sie laben sich an den Beeren. Sie reagieren nicht auf mich, bleiben ruhig. Selbst wenn ich die Beeren daneben pflücke. Wir sind eingehüllt in eine besondere Kraft des Friedens …..

„Hirschbrombeere, ich habe dich noch längst nicht verstanden. Aber eines weiß ich nun. Du bist eine Kraft voller Reinheit und Güte. In deinem Sein schlägt ein ganz großes Herz, uns Menschen eng verbunden. Du bist eine uns zur Seite stehende Kraft. Eine Kraft, die einen schon mal am Schlafittchen packt, und doch voran schiebt. Du gibst Verbindung, wo sie verloren wurde. Du bist eine Kraft des Potentials, der Fruchtbarkeit, der Potenz. Potenzierst die Lebensenergie, gibst der Wildheit und dem Kampf den Raum. Du hilfst uns nicht, uns den Herausforderungen zu stellen, du bist die Herausforderung selbst. Vorhin habe ich dich gefragt, ob du eine Kraft der Erneuerung, des Wandels bist. Du hast geschwiegen. Jetzt weiß ich es. Du selbst bist Erneuerung und Wandel. Und …..

….. du bist eine ganz große Kraft des Friedens. Von deinen Kräften braucht die Welt eine ganze Menge. Denn wir stehen inmitten eines großen Wandels. Möge er in Frieden geschehen, mögen die notwendigen Kämpfe fair sein, fair wie die Kämpfe der Hirsche ……

….. und nein, in einem meiner, etwas übertrieben ausgedrückt, hunderten von Büchern konnte ich das nicht erfahren, auch nicht bei Google. Das konnte ich nur gerade eben bei dir …..

….. und die Brombeerranken wiegen sich sacht im Wind …..

Mensch und Erde Rotmilan


In Liebe

© Martina Petermann 03.08.2019

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