Die Rose der Verletzlichkeit

17. Dezember 2017.TinePe.3 Likes.4 Comments

Die Rose der Verletzlichkeit

Es war einmal eine Rose. Hineingeboren in den Garten des großen Zauberers Nahim, war sie Teil eines Paradieses, in dem die Kräfte der Welten harmonisch verwoben waren. Oberwelt, Mittelwelt und Unterwelt waren einander eng verbunden und wirkten gemeinsam. Es war Nahim selbst gewesen, der diese Kräfte einst gerufen und vereint hatte.

Dabei war in ihm im Laufe der Zeit eine ganz besondere Liebe herangewachsen. Sie galt der Rose. Und so war sie zum Mittelpunkt seines Paradieses geworden.

Die Rose war prachtvoll und stolz. Dennoch war sie reinen Herzens. Ihre Zuneigung und Fürsorge galt allen Wesen. Doch ganz besonders zugetan war sie dem kleinen Volk, das die Unterwelt beseelte. Und dieses kleine Volk dankte es ihr, indem es ihr die allerschönsten Blüten schenkte, die man sich nur vorstellen kann.

Jedoch Nahim begann sich zu verändern. Er wollte nicht mehr lieben, vereinen und erschaffen. Er wollte herrschen. Nahim wollte die Welten beherrschen. Dunkle Schatten, erschaffen von Gier nach Macht, umwanden sein Herz und begannen es zu durchströmen. Bald schon war es durchdrungen von tiefster Finsternis. Wurde kalt und starr. Graue Nebelschwaden legten sich ihm über die Augen und verschleierten seine Blicke.
Nahims vergiftete Gedanken konnten nichts anderes mehr denken, als Unterdrückung und Unterwerfung. Und so begann er, seinen ersten Krieg zu führen. Er begann die Welt des kleinen Volkes zu bekämpfen.

Nun aber musst du wissen, dass ein großer, verirrter, Zauberer sich nicht der Waffen bedienen muss, mit denen Menschen ihre Schlachten schlagen. Nein, solch ein großer Zauberer kämpft mit der Macht der giftigen Pfeile seiner Gedanken.

Und so schoss Nahim seine Pfeile hinein in die Welt des kleinen Volkes. Manches Herz wurde durchdrungen von diesem Gift und war bereit, Nahims bedingungsloser Diener zu sein. Andere wiederum erstarrten vor Angst und Schrecken und taten alles, nur um nicht aufzufallen. Eine dritte, kleinste Gruppe jedoch, zog sich zurück in den Wurzelstock der Rose.

Der Garten Eden begann zu welken. Er wurde kahl und trist. Einzig die Rose blühte und blühte.

Nahim ärgerte sich maßlos über dieses Gebaren. Und so schleuderte er alles Gift, das er in seinen Gedanken ansammeln konnte, hinein in den Wurzelstock der Rose.
Doch das kleine Volk, das sich in diesen zurückgezogen hatte, begann jeden einzelnen Giftpfeil umzuwandeln in die Ranken einer unsichtbaren Dornenhecke.

Und so kam es, dass die Rose von einem wundersamen Schutz umgeben wurde, der undurchdringlich war für die Pfeile Nahims. Je mehr er schoss, desto wundervoller wurde ihre Blütenpracht.

Das machte Nahim rasend vor Wut. Er hatte nur noch die Vernichtung dieser einen Rose im Sinn. Der Mittelpunkt des Paradieses musste fallen.
Alle Kräfte, die er besaß, blies er in seine Giftpfeile hinein. Doch nun begannen die Pfeile an der Hecke abzuprallen, kehrten um und verwandelten sich zu einem Dorn. Diese bohrten sich mitten hinein in sein Herz. Bald schon war es durchstochen von den widerborstigsten Dornen, die man sich nur vorstellen kann.

Das aber hatte zur Folge, dass Nahim wieder begann sein Herz zu spüren. Zwar verlor er nun die Kraft zu kämpfen, doch die Schattenwelt seiner Gedanken blieb. Denn noch immer war er besessen von der Gier nach Macht.
Wie Nahim jedoch so, von seinen dunklen Gedanken beseelt, vor der Rose stand, hörte er plötzlich Stimmen, die sich aus dieser heraus erhoben:

„Nahim, Nahim, bist du’s oder bist du’s nicht?
Nahim, Nahim, zeigst dein Herz uns ohne Licht.
Wirst im Dornenblut ertrinken,
willst im Dornenmeer versinken.“

Dieser Gesang wiederholte sich endlos und je länger er andauerte, desto mehr wurde Nahims Herz durchstochen.
Bis er es schließlich nicht mehr aushielt und schmerzerfüllt aufbrüllte:

„Rose, wer oder was bist du?“

Da verstummte der Gesang so plötzlich, wie er eingesetzt hatte, und die Rose hub an zu sprechen:

„Ich bin die Rose der Verletzlichkeit. Einst war ich der Mittelpunkt deines Paradieses. Ich war der Mittelpunkt deines Hauses. Ich war der innerste Kern deines weichen Herzens, deiner lichten Seele.  Doch dann kam der Tag, an dem die Dunkelheit begann zu regieren. Beinahe hast du es geschafft, dich in deiner Gier nach Macht zu verlieren. Doch drei Gesellen des kleinen Volkes erlagen dir nicht. Auf der Flucht vor dir zogen sie sich zurück in meinen Wurzelstock. Gemeinsam haben wir dir gegeben, was du verloren hattest. Denn wir wussten um den tiefsten Wesenskern in dir.“

Möge dich jeder einzelne Dorn an deine Verletzlichkeit erinnern.
Möge dir jeder einzelne Dorn Kraft sein, deine Verletzlichkeit auszuhalten.
Möge dich jeder einzelne Dorn an den erinnern, der du wirklich bist.

Da füllten sich Nahims Augen mit Tränen. Und diese Tränen waren es, die ihm die Schleier der Nebel von seinen Blicken nahmen und die letzten Schatten aus seinem Herzen vertrieben.
So kam es, dass Nahim die Verletzlichkeit seines Paradieses beweinte.

Vielleicht magst du es jetzt nicht glauben, aber es war das Weinen um die Verletzlichkeit, das Nahim am Ende zum allergrößten Zauberer der Welt hat werden lassen.

Zauberer der Verletzlichkeit, so wird er seitdem genannt.

Die Dornenhecke aber, die die Rose umhüllt hatte, begann sich zurückzuziehen. Tief hinein in den Schoß von Mutter Erde, in die behütenden Arme des kleinen Volkes.

Die Rose jedoch, besitzt seit jenem Tag ihre Dornen.

Und wenn du es nicht glauben magst, dann geh hin und frag sie …..

© Copyright Dezember 2017 Martina Petermann

Comments (4)

  • Juliet . 29. Januar 2018 . Antworten

    Sehr inspirierend dein Texte und deine Schreibweise! Sie fordern uns auf, mitzudenken und gleichzeitig lassen sie uns träumen – einfach toll!
    Mir kam die Parallelität zur zwischenmenschlichen Beziehung in den Sinn beim Lesen. Viel mehr Menschen sollten sich der Wirkung des Handelns und seiner Gefühle bewusst sein…

    Liebe Grüße, Juliet
    http://www.withjuliet.com

    • (Autor) TinePe . 29. Januar 2018 . Antworten

      Danke für deine Worte! Ja, zwischen den Zeilen geht es genau darum.

  • Marianne . 14. Mai 2018 . Antworten

    Liebe Martina,
    Wunderschön geschrieben, so liebevoll! Ich freu mich sehr das wir uns auf dem Kongress begegnet sind und wir bleiben sicher in Verbindung,
    Liebe Grüße deine Marianne aus München

    • (Autor) TinePe . 30. Mai 2018 . Antworten

      Liebe Marianne, das freut mich sehr, dass dier dieses Märchen gefällt. Ja, lass uns in Verbindung bleiben …..

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